Lernen, das trägt: Basiskompetenzen an der Jugendfarm Mannheim erleben

Wie außerschulische Lernorte Schulbereitschaft, Sprache, Selbstregulation und gemeinsames Lernen stärken können – eine Fortbildung des ZSL Regionalstelle Mannheim an der Jugendfarm Mannheim

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Am Freitag, 3. Juli 2026, wurde die Jugendfarm Mannheim zu einem besonderen Lernort für Lehrkräfte, Fachberaterinnen und Fachberater sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Die Präsenzfortbildung „Basiskompetenzen an Hauptschule und Werkrealschule durch den Besuch außerschulischer Lernorte stärken (Textprofis)“ zeigte eindrucksvoll, wie Lernen außerhalb des Klassenzimmers fachlich anspruchsvoll, lebensnah und wirksam gestaltet werden kann.
Realisiert wurde die Fortbildung von Mitarbeitenden der Jugendfarm Mannheim. Der Ort selbst machte sofort deutlich, worum es ging: um Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Zwischen Werkbänken, Holz, Werkzeugen, Tieren, Kochstationen, Sitzgruppen, Naturflächen und offenen Aktionsbereichen wurde sichtbar, dass Basiskompetenzen nicht nur im Klassenzimmer entstehen. Sie entwickeln sich besonders dort, wo Kinder und Jugendliche lesen, sprechen, planen, ausprobieren, scheitern, neu ansetzen, kooperieren und am Ende ein Ergebnis in den Händen halten.
Die Jugendfarm Mannheim ist ein Ort, an dem Kinder und Jugendliche bauen, gestalten, kochen, mit Tieren in Kontakt kommen, Verantwortung übernehmen und Gemeinschaft erleben können. Genau diese Verbindung aus praktischem Tun, sozialem Lernen und Naturerfahrung prägte auch die Fortbildung.
Basiskompetenzen werden im Tun bedeutsam
Im Mittelpunkt stand die Frage, wie außerschulische Lernorte zur Stärkung von Basiskompetenzen an Haupt- und Werkrealschulen genutzt werden können. Der Bezug zum Projekt „Die Textprofis – Stärkung der Basiskompetenzen Lesen und Schreiben an Haupt- und Werkrealschulen“ war dabei zentral.
Die Fortbildung machte deutlich: Basiskompetenzen sind mehr als isolierte Fertigkeiten. Lesen, Schreiben, Sprechen, Zuhören, Planen, mathematisches Denken und Reflektieren werden besonders dann wirksam, wenn sie in konkrete Handlungssituationen eingebettet sind.
Wer ein Vogelhaus baut, muss Anleitungen verstehen, Material benennen, Maße vergleichen, Arbeitsschritte planen und Absprachen treffen. Wer gemeinsam Nahrung zubereitet, liest Rezepte, strukturiert Abläufe, achtet auf Mengen, Reihenfolgen, Hygiene und Zusammenarbeit. Wer Hütten baut oder Drucktechniken ausprobiert, erlebt unmittelbar, dass Sprache, Genauigkeit, Ausdauer und Kooperation für das Gelingen entscheidend sind.
Gerade darin liegt der besondere Wert der Jugendfarm: Basiskompetenzen werden nicht abstrakt eingefordert, sondern als notwendig erlebt. Die Schülerinnen und Schüler merken: Ich brauche Sprache, um mich zu verständigen. Ich brauche Ausdauer, damit etwas gelingt. Ich brauche Planung, damit aus einer Idee ein Ergebnis wird.
Workshops mit klarem Unterrichtsbezug
Die Teilnehmenden erhielten Einblicke in verschiedene handlungsorientierte Workshops. Dazu gehörten unter anderem der Bau von Vogelhäusern, der Umgang mit Konflikten, die Nahrungszubereitung, der Bau von Hütten sowie Druckangebote. Alle Angebote wurden mit Blick auf ihre Anschlussfähigkeit an Unterricht und Schulentwicklung betrachtet.
Die Bilder der Veranstaltung zeigen eindrücklich, wie vielfältig der Lernort angelegt ist: ein naturnahes Gelände mit Sitzgruppen und Werkbereichen, Stationen zum handwerklichen Arbeiten, gemeinsames Vorbereiten von Speisen, Gesprächssituationen in der Gruppe, Tiere auf dem Gelände und Kinder, Jugendliche sowie Erwachsene, die gemeinsam aktiv sind.
Besonders wertvoll war, dass Schülerinnen und Schüler selbst mit dabei waren. Dadurch blieb die Fortbildung nicht bei einer theoretischen Vorstellung des Lernortes stehen. Die Lehrkräfte konnten unmittelbar beobachten, wie Jugendliche auf Aufgaben reagieren, wie Motivation entsteht, wo Unterstützung nötig wird und wie schnell aus einer praktischen Tätigkeit ein fachlicher Lernanlass werden kann.
Genau dieser direkte Einblick machte das Format stark. Lehrkräfte sahen nicht nur, was möglich ist, sondern auch, wie es wirkt: Freude, Unsicherheit, Lösungsversuche, Kooperation, Frustration und Erfolg wurden in echten Situationen sichtbar.
Schulbereitschaft entsteht nicht von allein
Ein wichtiger pädagogischer Schwerpunkt der Fortbildung war die Frage, wie Schulbereitschaft in der Sekundarstufe I hergestellt und gestärkt werden kann. Schulbereitschaft ist nicht nur ein Thema beim Übergang in die Schule. Auch ältere Schülerinnen und Schüler müssen immer wieder in eine Lernhaltung finden: aufmerksam sein, sich auf Aufgaben einlassen, Regeln akzeptieren, mit anderen kooperieren, Rückmeldungen aufnehmen, Frustrationen aushalten und Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen.
Außerschulische Lernorte wie die Jugendfarm können dazu einen besonderen Beitrag leisten. Sie schaffen Situationen, in denen Lernen Sinn ergibt. Eine Aufgabe ist konkret. Das Ziel ist sichtbar. Das Ergebnis entsteht Schritt für Schritt.
Für Schülerinnen und Schüler, die im Klassenraum manchmal schwer erreichbar sind, kann genau das ein Türöffner sein. Wer ein Werkstück bauen möchte, braucht Sprache. Wer mit Werkzeug arbeitet, braucht Konzentration und Regelbewusstsein. Wer in einer Gruppe kocht oder baut, braucht Absprachen. Und wer merkt, dass der erste Versuch nicht funktioniert, muss mit Enttäuschung umgehen und einen zweiten Versuch wagen.
Damit werden zentrale Voraussetzungen schulischen Lernens nicht nur besprochen, sondern praktisch geübt: Selbststeuerung, Ausdauer, Genauigkeit, Teamfähigkeit und Frustrationstoleranz.
Kognitive Aktivierung: Denken am echten Problem
Aus bildungswissenschaftlicher Sicht ist besonders bedeutsam, dass solche Lernorte kognitive Aktivierung ermöglichen. Kognitive Aktivierung meint nicht bloß Beschäftigung. Sie entsteht dort, wo Schülerinnen und Schüler wirklich denken müssen: vergleichen, begründen, planen, prüfen, verwerfen, verbessern und übertragen.
Auf der Jugendfarm entsteht diese Aktivierung aus der Sache selbst. Ein Vogelhaus wird nicht stabil, weil jemand es behauptet, sondern weil Material, Winkel, Verbindung und Reihenfolge stimmen. Ein Rezept gelingt nicht automatisch, sondern weil Mengen, Zeiten und Absprachen passen. Eine Hütte steht nicht durch gute Absicht, sondern durch Planung, Zusammenarbeit und Überprüfung.
Das praktische Tun ersetzt dabei nicht die fachliche Arbeit. Es öffnet den Zugang zu ihr. Gerade in der Sekundarstufe I ist das entscheidend: Schülerinnen und Schüler, die mit rein schriftlichen Aufgaben Schwierigkeiten haben, können über konkrete Problemstellungen in anspruchsvolle Denkprozesse kommen.
Selbstregulation und Frustrationstoleranz: Dranbleiben lernen
Auch die Förderung von Selbstregulation wurde in der Fortbildung greifbar. Selbstreguliertes Lernen bedeutet, eigene Lernhandlungen zu planen, zu überprüfen und anzupassen. Das klingt zunächst abstrakt, wird aber beim Bauen, Kochen, Drucken oder in der Arbeit mit Tieren sehr konkret.
Kinder und Jugendliche müssen warten können, Material teilen, Werkzeuge sicher nutzen, Rückschläge verarbeiten, mit anderen kommunizieren und ihr Vorgehen verändern. Diese Prozesse sind kein Beiwerk. Sie sind Teil schulischer Lernfähigkeit.
Wer nicht sofort aufgibt, wenn ein Nagel schief sitzt, ein Arbeitsschritt misslingt oder eine Absprache nicht funktioniert, trainiert genau jene Ausdauer, die auch beim Lesen schwieriger Texte, beim Schreiben eigener Texte oder beim Lösen mathematischer Aufgaben gebraucht wird.
Die Jugendfarm bietet dafür einen besonders geeigneten Rahmen: Sie verbindet Natur, Bewegung, Handeln, Verantwortung und Gemeinschaft. Damit entstehen Lerngelegenheiten, die Schülerinnen und Schüler oft unmittelbar erreichen.
„Einfach mal machen“ – aber pädagogisch gerahmt
Dieser Satz passt sehr gut zu dem, was an diesem Nachmittag erfahrbar wurde. Er steht für eine Haltung, die auch für Schule wichtig ist: ins Handeln kommen, Erfahrungen zulassen, Kindern und Jugendlichen etwas zutrauen und aus dem Tun heraus lernen.
Dabei geht es nicht um beliebige Beschäftigung. Gutes handlungsorientiertes Lernen braucht klare Ziele, gute Vorbereitung, sichere Rahmenbedingungen und anschließende Reflexion. Genau darin liegt die pädagogische Aufgabe: Lehrkräfte müssen solche Lerngelegenheiten so gestalten, dass aus Erfahrung Bildung wird.
Die Fortbildung zeigte, wie das gelingen kann. Die Mitarbeitenden der Jugendfarm eröffneten Erfahrungsräume, gaben Sicherheit und ließen zugleich genügend Freiraum für eigenes Ausprobieren. Diese Balance ist auch für guten Unterricht zentral: strukturieren, ohne zu verengen; unterstützen, ohne alles vorwegzunehmen; Zutrauen geben, ohne Lernende allein zu lassen.
Dank an die Jugendfarm Mannheim
Ein besonderer Dank gilt den Mitarbeitenden der Jugendfarm Mannheim, die die Fortbildung mit großer Professionalität, Zugewandtheit und Praxisnähe realisiert haben. Besonders hervorzuheben ist Stefan Besthorn, der auf Seiten der Jugendfarm die Organisation vor Ort übernahm und Benjamin Goos hervorragend vertrat.
Die Jugendfarm überzeugte dabei nicht nur als Veranstaltungsort, sondern als pädagogischer Möglichkeitsraum. Hier werden Kinder und Jugendliche ernst genommen, weil sie etwas tun dürfen, das Bedeutung hat. Sie bauen, versorgen, gestalten, sprechen, entscheiden und erleben: Ich kann etwas bewirken.
Alexander Lehrmann, Arbeitsfeldleiter für das Arbeitsfeld 4 Sekundarstufe I am ZSL Regionalstelle Mannheim, fasste die besondere Bedeutung des Formats so zusammen:
„Basiskompetenzen entstehen nicht nur durch Übung, sondern durch bedeutsame Lernanlässe. Die Jugendfarm Mannheim zeigt eindrucksvoll, wie Lesen, Schreiben, Sprechen, Planen, Kooperieren und Durchhalten in echten Handlungssituationen zusammenfinden. Für die Sekundarstufe I ist das besonders wertvoll: Wir müssen Schulbereitschaft immer wieder herstellen – durch Aufgaben, die Sinn stiften, Selbstwirksamkeit ermöglichen und Schülerinnen und Schüler kognitiv wie sozial aktivieren.“
Fazit: Raus aus dem Klassenzimmer, hinein in wirksame Lernanlässe
Die Fortbildung an der Jugendfarm Mannheim zeigte beispielhaft, wie außerschulische Lernorte zur Stärkung von Basiskompetenzen genutzt werden können. Sie verband fachliche Zielsetzung, pädagogische Erfahrung, Naturraum, Handlungsorientierung und wissenschaftlich anschlussfähige Unterrichtsentwicklung.
Für Lehrkräfte der Sekundarstufe I liegt der Mehrwert besonders darin, dass Lernbereitschaft sichtbar und gestaltbar wird. Basiskompetenzen werden in authentischen Situationen gebraucht und geübt – beim Lesen einer Anleitung, beim Planen eines Werkstücks, beim gemeinsamen Kochen, beim Lösen eines Konflikts oder beim Durchhalten, wenn etwas nicht sofort gelingt.
So wurde die Jugendfarm Mannheim an diesem Nachmittag zu einem starken Beispiel dafür, wie Schule sich öffnen kann, ohne ihren Bildungsauftrag zu verlieren: hinaus in echte Lernanlässe – und von dort zurück in einen Unterricht, der Basiskompetenzen lebensnah, wirksam und zugewandt stärkt.

Zelt und Bänke

Am Sägestand

Menschen im Freien

Beschreibungstafel