Zwischen grünen Versprechen und überprüfbarer Wirkung

Fachtag Gesellschaftswissenschaften zeigt fundierte und praxisnahe Wege, Greenwashing im Unterricht der Sekundarstufe I zu erschließen

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„Klimafreundlich“, „ressourcenschonend“, „natürlich“ oder „nachhaltig“: Umweltbezogene Versprechen begegnen Schülerinnen und Schülern täglich – auf Produktverpackungen, in sozialen Netzwerken, in der Unternehmenswerbung und zunehmend auch bei Finanzprodukten. Ob hinter solchen Aussagen tatsächlich überprüfbare ökologische Verbesserungen stehen, ist jedoch häufig schwer zu erkennen.

Der Fachtag der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer der ZSL-Regionalstelle Mannheim widmete sich am 10. Juli 2026 deshalb einem Thema von hoher Aktualität und großer unterrichtlicher Relevanz: dem Greenwashing. Lehrkräfte der Fächer Gemeinschaftskunde, Geographie sowie Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung erhielten im TUMO-Zentrum Mannheim fachwissenschaftliche Einordnungen, konkrete Unterrichtsideen und Materialien für die unmittelbare schulische Praxis. Konzipiert und organisiert wurde der Fachtag von Sophia Hoffmann, Michael Koch und Fabian Spieß, Fachberaterin beziehungsweise Fachberater für Unterrichtsentwicklung an der ZSL-Regionalstelle Mannheim.
Die Grußworte sprachen Christian Röser, Vorstand von Starkmacher e. V. für das TUMO Technologiezentrum Mannheim, und Christiane Triller, Arbeitsfeldleiterin für die beruflichen Schulen an der ZSL-Regionalstelle Mannheim. 

Greenwashing als mehr als irreführende Werbung
Den fachwissenschaftlichen Auftakt gestaltete Dr. Bernd Villhauer, Senior Advisor Finance am Weltethos-Institut Tübingen. In seinem Vortrag „Greenwashing – die Ökolügen der Finanzbranche“ zeigte er, weshalb Greenwashing nicht lediglich als ärgerliche Begleiterscheinung moderner Werbung verstanden werden darf.
Falsche oder oberflächliche Lösungen können angesichts von Klimawandel, Artenverlust, Umweltverschmutzung, Entwaldung, Wasserknappheit und der Gefährdung der Meere wertvolle Zeit kosten. Greenwashing erzeuge dabei nicht unbedingt den Eindruck von Untätigkeit. Im Gegenteil: Häufig werde eine hohe Aktivität inszeniert, die jedoch an den entscheidenden Ursachen vorbeigehe. Sichtbare Einzelmaßnahmen könnten so ein Gefühl des Fortschritts vermitteln, obwohl die tatsächliche Wirkung gering oder nicht nachweisbar sei.
Villhauer lenkte den Blick deshalb auch auf falsche Schwerpunktsetzungen. Werden leicht kommunizierbare Einzelmaßnahmen besonders hervorgehoben, während schwerwiegendere Belastungen unbeachtet bleiben, kann dies die öffentliche Wahrnehmung verzerren. Beispiele wie Kompensationszahlungen, vermeintlich klimaneutrale Produkte oder selektiv präsentierte Einsparungen verdeutlichten, wie komplex die Bewertung ökologischer Versprechen ist.
Für die Prüfung solcher Aussagen stellte der Vortrag vier zentrale Warnsignale heraus: einen fehlenden Nachweis bisheriger Leistungen, übertriebene Versprechen, unplausible Wirkungsketten und die Konzentration auf falsche oder nachrangige Schwerpunkte. Diese Kriterien sind auch für den Unterricht besonders wertvoll, weil sie Schülerinnen und Schülern eine strukturierte Analyse ermöglichen.
Zugleich warnte Villhauer vor einer ausschließlich entlarvenden Pädagogik. Unterricht dürfe nicht dazu führen, dass sämtliche Nachhaltigkeitsbemühungen pauschal unter Täuschungsverdacht geraten. Entscheidend sei vielmehr, Aufklärung mit der Frage nach tatsächlichen Lernprozessen, realistischen Verbesserungen und glaubwürdigen Alternativen zu verbinden. Eine solche Pädagogik stärkt Kritikfähigkeit, ohne Zynismus oder Resignation zu fördern.

Wie tragfähig ist der Begriff der Nachhaltigkeit?
Eine grundlegende Auseinandersetzung mit dem Nachhaltigkeitsbegriff eröffnete Prof. Dr. Klaus-Dieter Hupke von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg im Workshop „Wie nachhaltig ist nachhaltig?“, den er gemeinsam mit Sophia Hoffmann gestaltete.
Ausgehend von der historischen Forstwirtschaft wurde gezeigt, dass Hans Carl von Carlowitz Nachhaltigkeit zunächst als vorsorgendes und auf Dauer angelegtes Prinzip der Waldnutzung verstand. Dieser Ansatz war zwar vergleichsweise gut messbar, reduzierte den Wert des Waldes jedoch weitgehend auf den Holzertrag. Die später angelegten Nadelholzmonokulturen verdeutlichen, dass eine auf einzelne Kennwerte begrenzte Optimierung unerwünschte Folgen für Biodiversität und Widerstandsfähigkeit haben kann.
Mit dem Brundtland-Bericht und dem später verbreiteten Drei-Säulen-Modell wurden die ökologische, ökonomische und soziale Dimension miteinander verbunden. Genau darin liegt jedoch eine besondere Herausforderung: Die Ziele dieser Bereiche sind nicht automatisch miteinander vereinbar und lassen sich nicht ohne Weiteres durch eine einzige Kennzahl abbilden. Der Workshop regte daher dazu an, „Nachhaltigkeit“ nicht als eindeutig positives Etikett zu verwenden, sondern Zielkonflikte, Messprobleme und unterschiedliche Wertentscheidungen offenzulegen.
Für den Geographieunterricht ist diese Perspektive besonders bedeutsam. Der Bildungsplan stellt das raumbezogene systemische Denken und den kompetenten Umgang mit Komplexität ins Zentrum. Schülerinnen und Schüler sollen natürliche und gesellschaftliche Prozesse nicht isoliert betrachten, sondern Wechselwirkungen rekonstruieren, Erklärungen entwickeln, Folgen abschätzen und Handlungsmöglichkeiten beurteilen.

Geographieunterricht: Zusammenhänge sichtbar machen
Im zweiten Geographie-Workshop „Grüne Illusion“ stellte Sophia Hoffmann konkrete Möglichkeiten vor, Greenwashing kompetenzorientiert zu unterrichten. Dabei wurde deutlich, dass sich das Thema für unterschiedliche Lernzugänge eignet.
Ein möglicher Einstieg erfolgt über die Frage, welche Vorstellungen die Farbe Grün hervorruft. Wortwolken oder digitale Abfragen machen sichtbar, wie eng Natur, Gesundheit, Umweltverträglichkeit und moralische Zustimmung bereits sprachlich und bildlich miteinander verbunden werden. Diese Assoziationen bilden eine Grundlage dafür, Werbestrategien und visuelle Inszenierungen kritisch zu untersuchen.
Anhand der Beispiele „Regenwaldprojekt im Kongo“ und „Norwegen – sauberes Erdöl?“ erarbeiteten die Teilnehmenden Wirkungsgefüge. Solche Darstellungen helfen Lernenden, Akteure, Interessen, räumliche Zusammenhänge und ökologische Folgen nicht nur aufzuzählen, sondern ihre Beziehungen zueinander zu erkennen.
Neben der fachlichen Analyse nahm die Präsentation ausdrücklich metakognitive Lernprozesse in den Blick. MiniBooks, Reflexionskarten, Exit-Tickets und leitende Impulsfragen können Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, nicht nur Ergebnisse festzuhalten, sondern auch den eigenen Erkenntnisweg, die Zusammenarbeit in der Gruppe und mögliche Veränderungen der eigenen Beurteilung zu reflektieren. Digitale und spielerische Lernarrangements ergänzten das methodische Spektrum.

Gemeinschaftskunde: Werbung, Medien und politische Regulierung
Im Workshop „Nachhaltigkeit & Greenwashing – alles im grünen Bereich?!?“ stellte Michael Koch vielfältige Zugänge für den Gemeinschaftskundeunterricht vor. Das Thema lässt sich insbesondere mit den Bildungsplanbereichen „Leben in der Medienwelt“ in den Klassen 7 und 8 sowie „Die Europäische Union“ in Klasse 10 verbinden.
Für jüngere Lerngruppen bietet sich die Analyse von Werbeanzeigen, Produktverpackungen, PR-Kampagnen und medialen Inszenierungen an. Schülerinnen und Schüler können untersuchen, wie grüne Farben, Naturbilder, unbestimmte Begriffe und emotionalisierende Botschaften eingesetzt werden, um Produkte oder Unternehmen umweltfreundlich erscheinen zu lassen. Dabei werden zugleich die Leitperspektiven Bildung für nachhaltige Entwicklung und Verbraucherbildung aufgegriffen.
In Klasse 10 kann Greenwashing als Beispiel für eine grenzüberschreitende Herausforderung innerhalb der Europäischen Union dienen. An aktuellen Regelungen gegen unbelegte Umweltaussagen lässt sich erarbeiten, wie politische Institutionen auf neue Formen der Verbraucherbeeinflussung reagieren und wie europäische Entscheidungen den Alltag der Bürgerinnen und Bürger berühren.
Die bereitgestellten Materialien verbanden aktuelle Medienbeispiele mit Angeboten der politischen Bildung, Informationsangeboten von Verbraucher- und Umweltorganisationen sowie filmischen Zugängen. Dadurch kann Greenwashing im Unterricht sowohl als Frage medialer Manipulation als auch als Gegenstand politischer Regulierung und gesellschaftlicher Verantwortung behandelt werden.

Ein Rucksack, der die Meere rettet?
Einen besonders anschaulichen Zugang zum vernetzten Denken bot Dr. Ute Grewe, Landesfachkoordinatorin WBS für die Sekundarstufe I an der ZSL-Zentrale. Ausgangspunkt ihres Mysterys war die Frage: „Kann mein Rucksack die Meere retten?“
Die Lernenden erhalten dazu unterschiedliche Informationskarten, die zunächst geordnet, thematisch gruppiert und anschließend in einem Wirkungsgefüge miteinander verbunden werden. Nicht jede Information muss für die Lösung gleichermaßen wichtig sein. Gerade dadurch müssen die Schülerinnen und Schüler auswählen, gewichten und begründen, welche Zusammenhänge für die Beantwortung der Leitfrage entscheidend sind.
Im Anschluss recherchieren sie konkrete Beispiele für unterschiedliche Formen des Greenwashings. Das Arrangement verbindet kooperatives Lernen, digitale Recherche, ökonomische Analyse und die Reflexion des eigenen Konsums. Es verhindert zugleich vorschnelle Antworten: Ein Produkt, das mit recyceltem Meeresplastik wirbt, muss beispielsweise im Hinblick auf Herkunft, Materialanteile, Produktionsbedingungen, Transportwege und tatsächliche ökologische Wirkung untersucht werden.

Wirtschaftsethik: Unternehmen nicht nur an ihren Worten messen
Rebecca Gabel, Referentin für ökonomische Bildung, und Maximilian Porrmann, Regionalkoordinator Südwest, stellten im Namen der PwC-Stiftung wirtschaftsethische Fragestellungen und Materialien aus dem Programm Wirtschafts.Forscher! vor.
Ein erster Zugang führte über die Frage, welche Nachhaltigkeitszertifizierungen verlässlich sind. Die Gegenüberstellung staatlicher, unabhängig geprüfter und frei gestalteter Kennzeichnungen machte deutlich, dass ein grün wirkendes Logo noch kein belastbarer Nachweis für Nachhaltigkeit ist. Entscheidend ist vielmehr, wer die Kriterien festlegt, wie anspruchsvoll sie sind und ob ihre Einhaltung unabhängig kontrolliert wird.
Eine im Workshop eingesetzte Checkliste bündelte zentrale Prüffragen:
• Gibt es konkrete Zahlen, Daten und Belege?
• Sind die verwendeten Begriffe präzise erklärt?
• Werden die Aussagen unabhängig überprüft?
• Wird das Gesamtbild gezeigt oder nur eine positive Einzelmaßnahme?
• Entspricht das tatsächliche Unternehmenshandeln der Werbung?
• Arbeitet die Botschaft überwiegend mit Emotionen und Naturbildern oder mit nachvollziehbaren Informationen?
Damit erhielten die Lehrkräfte ein unmittelbar einsetzbares Instrument, das sich auf Werbeanzeigen, Produkte, Nachhaltigkeitsberichte oder Unternehmenswebseiten übertragen lässt.
Wirtschaftsethische Bildung erschöpft sich dabei nicht in der Einteilung von Unternehmen in „gut“ und „schlecht“. Sie fragt nach Zielkonflikten, wirtschaftlichen Anreizen, Verantwortung, Regulierung und den Handlungsmöglichkeiten unterschiedlicher Akteure. Schülerinnen und Schüler lernen so, moralische Bewertungen mit ökonomischen Analysen zu verbinden.

Vom kritischen Prüfen zum verantwortlichen Handeln
Greta Francke, Fortbildnerin an der ZSL-Regionalstelle Mannheim und Mitglied der landesweiten Konzeptionsgruppe, ordnete Greenwashing in das projektorientierte Vorhaben „Engagement und Verantwortung“ ein.
Das zentrale Ziel besteht nicht darin, Schülerinnen und Schüler auf ein bestimmtes Konsumverhalten festzulegen. Vielmehr sollen sie dazu befähigt werden, Informationen kritisch zu prüfen, eigene Entscheidungen begründet zu treffen und Verantwortung für sich, ihre Umwelt und die Gesellschaft zu übernehmen.
Eine mögliche Leitfrage für ein schulisches Projekt lautet: „Wie können wir unserer Schulgemeinschaft helfen, nachhaltige Konsumentscheidungen zu treffen?“ Die Lernenden sammeln dafür Umweltversprechen aus Supermärkten, Drogerien, Modegeschäften, sozialen Medien oder Online-Shops. Sie klären Begriffe, entwickeln Prüfkriterien, untersuchen Siegel und recherchieren Informationen von Verbraucherzentralen und Umweltorganisationen. Anschließend kann ein Nachhaltigkeitscheck in der eigenen Schule oder im schulnahen Umfeld erfolgen.
Als Ergebnis können Informationskampagnen, Ausstellungen, Erklärvideos, digitale Beiträge oder Beratungsmaterialien für die Schulgemeinschaft entstehen. Das Projekt verbindet damit vier zentrale Dimensionen: kritisches Denken durch die Überprüfung von Werbeaussagen, Verantwortung durch die Reflexion des eigenen Handelns, Selbstwirksamkeit durch die Gestaltung eines eigenen Produkts und Engagement durch die Information anderer.

„Greenwashing ist für Schulen weit mehr als ein aktuelles Verbraucherthema. Schülerinnen und Schüler begegnen täglich Botschaften, Bildern und Versprechen, deren Glaubwürdigkeit sie beurteilen müssen. Sie brauchen deshalb die Fähigkeit, Informationen kritisch zu prüfen, Interessen zu erkennen, unterschiedliche Perspektiven abzuwägen und zu einem begründeten Urteil zu gelangen. Genau hier setzt eine wirksame Lehrkräftefortbildung für die Sekundarstufe I an: Sie stärkt die fachliche Sicherheit der Lehrkräfte und eröffnet konkrete Wege, gesellschaftlich relevante Fragestellungen kompetenzorientiert, lebensnah und handlungsbezogen im Unterricht aufzugreifen“, betont Alexander Lehrmann, Leiter des Arbeitsfelds 4 – Sekundarstufe I an der ZSL-Regionalstelle Mannheim.

Dank an alle Mitwirkenden
Ein herzlicher Dank gilt Dr. Bernd Villhauer, Prof. Dr. Klaus-Dieter Hupke, Dr. Ute Grewe, Rebecca Gabel, Maximilian Porrmann und Greta Francke für ihre fundierten fachwissenschaftlichen und unterrichtspraktischen Beiträge.
Besonders zu danken ist Sophia Hoffmann, Michael Koch und Fabian Spieß für die Konzeption, Organisation und Durchführung des Fachtags sowie Christian Röser und Christiane Triller für die Eröffnung der Veranstaltung.
Ein ausdrücklicher Dank gilt dem TUMO-Zentrum Mannheim und seinem Team für die Gastfreundschaft und die Bereitstellung der inspirierenden Räumlichkeiten im MAFINEX Technologiezentrum. 


Redner vor Aauditorium