Wie sieht gelingende religiöse Bildung aus, wenn Kinder zwischen Elternhaus, Moscheegemeinde und Schule unterwegs sind – und überall andere Erwartungen spüren? Dieser Frage widmete sich der hybride „Talk im Fuchsbau – Impulse zur Schulentwicklung“ am Mittwoch, 10. Dezember 2025, an der Waldparkschule in Heidelberg. Von 15:00 bis 16:30 Uhr verfolgten Lehrkräfte, Schulleitungen und weitere Bildungsakteurinnen und -akteure vor Ort und per Livestream den Vortrag „Religiöse Bildung im Dreiklang – Elternhaus, Gemeinde und Schule“.
Als Gesprächspartner war Amin Rochdi, Geschäftsführer der Stiftung Sunnitischer Schulrat – Stiftung des öffentlichen Rechts, eingeladen. Er gab Einblicke in die Rolle des islamischen Religionsunterrichts sunnitischer Prägung (IRU) in Baden-Württemberg und in das oft spannungsreiche Zusammenspiel von Familien, Moscheegemeinden und Schulen.
Begrüßt wurden die Teilnehmenden vom Schulleiter der Waldparkschule, Thilo Engelhardt, sowie vom Arbeitsfeldleiter 4 der ZSL Regionalstelle Mannheim, Alexander Lehrmann. Durch die lebendige Fragerunde führte Greta Francke, die Fragen aus dem Plenum und aus dem Chat aufgriff und bündelte.
Ein Kind in drei Welten – Tariqs Reise
Zu Beginn stellte Rochdi „Tariqs Reise“ vor – eine symbolische Geschichte für ein muslimisches Kind, das täglich zwischen drei Lern- und Lebensorten pendelt: Familie, Gemeinde und Schule. In einer prägnanten Grafik (Seite 2 der Präsentation) markiert er die Familie als Ort der Haltung, die Gemeinde als Raum des Ritus und die Schule als Ort der Reflexion. Die zentrale Aufgabe aller Beteiligten sei es, diese drei Dimensionen in Einklang zu bringen – nicht gegeneinander auszuspielen.
Rochdi formulierte es so: Nur wenn Kinder erleben, dass ihre religiöse Praxis (Moschee), ihre familiären Werte (Elternhaus) und die fragende, reflektierende Auseinandersetzung (Schule) zusammengehören, können sie zu mündigen Persönlichkeiten heranwachsen, die ihren Glauben selbstbewusst und dialogfähig leben.
Drei Säulen – drei Profile: Elternhaus, Gemeinde, Schule
Auf dieser Grundlage beschrieb Rochdi die drei Säulen der religiösen Erziehung:
- Elternhaus – „affektive Heimat“
Hier findet die erste und stärkste Prägung statt: Religion wird vor allem vorgelebt. Rituale wie gemeinsames Gebet oder das Feiern von Festen geben Halt und emotionale Sicherheit. Gleichzeitig benannte Rochdi eine pädagogische Herausforderung: den Spagat zwischen frühem religiösem Eifer und Kindeswohl – etwa, wenn jüngere Kinder unbedingt fasten möchten. - Moscheegemeinde – „bekenntnisorientierte Gemeinschaft“
In der Gemeinde wird Glaube gemeinschaftlich gelebt – durch Gebete, Feste und Koranunterricht. Sie stiftet stolze Zugehörigkeit und Identität. Rochdi zeigte zugleich, dass sich Moscheegemeinden im Wandel befinden: Professionalisierung der Imam-Ausbildung, Ausbau von Jugendarbeit und der Anspruch, stärker „in der Lebenswelt der Jugendlichen“ anzukommen.
- Schule / Islamischer Religionsunterricht – „reflexive Lernarena“
In der Schule geht es um Wissensvermittlung, Ethik und kritisches Denken: „Warum glauben wir? Wie begründen wir unser Handeln?“ Der IRU sei ein Raum, in dem Glauben mit pluraler Gesellschaft, Wissenschaft und Alltagserfahrungen in einen offenen Diskurs tritt. Rochdi betonte den Charakter des IRU als Schutzraum, in dem Kontroversen aufgegriffen und extremistische Deutungen durch Aufklärung und Gespräch frühzeitig bearbeitet werden können.
Alle drei Orte seien gleichberechtigt und nicht gegenseitig ersetzbar; erst im Zusammenspiel entstehe ein ganzheitliches Bild von Bildung.
Staatlicher Auftrag und Ziel des IRU
Rochdi verankerte den islamischen Religionsunterricht im verfassungsrechtlichen Rahmen: Grundlage ist Artikel 7 Absatz 3 GG, der vorsieht, dass Staat und Religionsgemeinschaften beim schulischen Religionsunterricht zusammenarbeiten. Träger des IRU sunnitischer Prägung in Baden-Württemberg ist seit 2019 die Stiftung Sunnitischer Schulrat.
Der IRU habe einen klaren Bildungsauftrag: Glaubensinhalte lehren, religiöse Mündigkeit fördern und Integration stärken. Integration bedeute dabei nicht Anpassung durch Aufgabe eigener Wurzeln, sondern Stärkung der religiösen Identität als Basis für aktive Mitgestaltung in einer demokratischen Gesellschaft.
Damit knüpft der Talk direkt an die Leitperspektive „Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV)“ und den Leitfaden Demokratiebildung an: Schülerinnen und Schüler sollen in ihrer Vielfalt ernst genommen und befähigt werden, sich reflektiert, respektvoll und verantwortungsvoll in der Gesellschaft zu bewegen.
Wo hakt es – und was hilft?
Im zweiten Teil rückten typische Spannungsfelder in den Blick. Rochdi berichtete von Eltern, die vom IRU eher eine Reproduktion religiöser Praxis erwarteten – teilweise als Ersatz für Angebote in der Moschee – statt einer reflektierenden Auseinandersetzung, die auch Fragen, Zweifel und Ambivalenzen zulässt.
Ebenso gebe es bisweilen Unsicherheiten in Moscheegemeinden gegenüber schulischen Inhalten – hier sei Transparenz entscheidend: Lehrkräfte und Imame könnten, so Rochdi, voneinander lernen, Qualitätsstandards teilen und so gemeinsam hohe Maßstäbe in der religiösen Bildung setzen.
Für Lehrkräfte nannte er drei zentrale Handlungsstrategien:
- Empathie & Wertschätzung – als Grundlage jeder Kommunikation mit Eltern und Gemeinde.
- Systematische Kooperation – z. B. durch feste Austauschformate, Netzwerke und regelmäßige Gespräche.
- Flexible Lösungen – pragmatische Absprachen im Schulalltag, die Bedürfnisse von Schule, Familie und
Gemeinde berücksichtigen.
Die mündige muslimische Persönlichkeit als Ziel
Auf einer Venn-Grafik bündelt Rochdi das Leitbild: Eine mündige muslimische Persönlichkeit ist verwurzelt, bekennend und reflektiert. Aus dieser Dreifach-Qualität – Identität, Glaubensbewusstsein und kritischer Reflexion – erwachse „Integration durch Identität“.
In der lebhaften Fragerunde wurden unter anderem folgende Themen angesprochen:
- Wie können Lehrkräfte mit sehr unterschiedlichen religiösen Vorkenntnissen in einer Klasse umgehen?
- Was hilft, wenn Eltern den schulischen Ansatz des IRU nicht kennen oder missverstehen?
- Wie kann der IRU Impulse in das gesamte Kollegium und in die Schulentwicklung hinein geben – über die
„Religionsklasse“ hinaus?
Rochdi ermutigte die Teilnehmenden, IRU nicht als Angebot „für wenige“, sondern als Ressource für die ganze Schule zu verstehen – etwa durch gemeinsame Projekte, Elternabende oder Kooperationen mit Moscheegemeinden.
Ausblick: Schulentwicklung im Dreiklang
Der „Talk im Fuchsbau“ zeigte eindrücklich, wie sehr religiöse Bildung im Dreiklang von Elternhaus, Gemeinde und Schule eine Aufgabe aller an Schule Beteiligten ist. Für Lehrkräfte bot die Veranstaltung konkrete Anknüpfungspunkte für Unterricht, Elternarbeit und Schulentwicklung – und machte Mut, im Spannungsfeld unterschiedlicher Erwartungen Brücken zu bauen, ohne das eigene professionelle Profil aufzugeben.
Weitere Ausgaben der Reihe „Talk im Fuchsbau – Impulse zur Schulentwicklung“ werden auch künftig aktuelle Themen aufgreifen und Lehrkräfte darin unterstützen, Schule als lernende, demokratische und vielfältige Organisation weiterzuentwickeln.



